Refugium Beelitz-Heilstätten | Creative VillageRefugium Beelitz-Heilstätten | Creative Village



Kategorie - Geschichte

Boxfresh oder Patchwork?

_I0B0140Nach dem Abzug der sowjetischen bzw. russischen Truppen und der Übergabe des Geländes 1994 an den ursprünglichen Besitzer, die Landesversicherungsanstalt, wurden die Beelitzer Heilstätten zügig in das Denkmalverzeichnis des heutigen Landkreises Potsdam-Mittelmark eingetragen.

1997, noch im Zusammenhang mit dem Entwicklungsvorhaben von Roland Ernst, formulierte der heutige Landeskonservator Dr. Thomas Drachenberg in einem Artikel zentrale Gedanken im Umgang mit der Anlage. Seine Betrachtungen haben heute noch Gültigkeit und werden uns als Orientierung für die Umnutzungsarbeiten zum REFUGIUM BEELITZ dienen.

Seiner Meinung nach solle der Denkmalwert der Anlage erhalten bzw. wieder erlebbar gemacht werden, ohne die Brüche der Vergangenheit vollständig zu verwischen. Ziel könne es nicht sein, die bestehenden Gebäude und Anlagen im musealen Sinne zu konservieren. Die Kernbereiche in ihrer städtebaulichen Wirkung einschließlich der gärtnerischen Gestaltung sollen erhalten bzw. wiederhergestellt werden, außerhalb dieser Kernzonen können Neubauten stattfinden, um die Wirtschaftlichkeit des Vorhabens zu sichern. Hier müsse durch eine offene Bauweise versucht werden, eine Situation zu vermeiden die einen Riegel zwischen dem historischen Bestand und dem natürlichen Umfeld, sprich den umgebenden Wald, schafft.

Denkmalpflegerisches Ziel solle es sein, die originale Substanz zu erhalten. Das bedeute aber beispielsweise nicht die Fassade so zu reinigen, dass der Zustand der Erbauungszeit wiederhergestellt wird. Abgesehen von der Gefahr irreparabler Beschädigungen solle das Einzelhaus mit seinen Alterserscheinungen, Beschädigungen und Veränderungen angenommen werden.

judd architecture 1Andererseits solle darauf hingearbeitet werden, dass die frühere Qualität durch Reparatur und Aufarbeitung wieder wirksam wird. Das beträfe zum Beispiel die sehr qualitätsvollen Fenster und Türen.

Soviel von von fachlicher Seite. Ob eine Aufarbeitung der Doppelkasten-Fenster machbar ist, wird gerade analysiert, denn viele der Original-Bauteile sind mittlerweile morsch und verwittert. Auch sind die meisten Holztüren im Innenbereich völlig verzogen. Gemäß der Vorgaben der Denkmalbehörde werden wir bei der Revitalisierung des Quadranten D alle Sichtachsen erhalten. So ist der Neubaubereich ganz im Westen – sozusagen „hinter“ den Bestandsgebäuden – untergebracht, der zentrale PKW-Stellplatz soll sich südöstlich direkt an der Straße befinden.

Ein positiver Nebenaspekt, der sich aus dem sensiblen Umgang mit dem Denkmal ableitet: alle Investitionen in den Erhalt der Originalsubstanz können vom Käufer über zehn Jahre steuerlich geltend gemacht werden. Steuerberater haben tiefergehende Informationen zur sogenannten „ Denkmal-AfA“.

Der führende Architekt…

Schnitt Badehaus… des Krankenhausbaus im deutschsprachigen Raum, Heino Schmieden, wurde im Jahr 1898 von der Landesversicherungsanstalt zum Mastermind ihres ambitionierten Projekts Beelitz-Heilstätten gemacht. Zu diesem Zeitpunkt war Baurat Schmieden mit 63 Jahre ein alter Hase in seinem Metier und auf der Höhe seines Schaffens angekommen. 1866 gründete er zusammen mit Martin Gropius eine Sozietät, die sich schnell zum führenden Berliner Architektenbüro der späten Schinkelnachfolge entwickelte. Zwei der bekanntesten Werke sind neben zahlreichen Bank und Wohngebäuden das Kunstgewerbemuseum in der Stresemannstraße sowie das in klassischem Pavillonstil errichtete Krankenhaus am Friedrichshain.

Nach dem Tod seines Kompagnons errichtete Schmieden zusammen mit dem Regierungsbaumeister Julius Boethke das Krankenhaus Teltow in Zehlendorf. Mit Boethke setzte er dann auch den ersten Bauabschnitt der Beelitzer Heilstätten um, zu dem auch die Gebäude des Quadranten D gehörten. Die beiden wirkten zwar nur fünf Jahre in Beelitz-Heilstätten (30 Jahre wurde insgesamt gebaut), gaben durch ihr strenges Ordnungsschema und die Fülle der ausgeführten Bauten – vom Einstiegshäuschen in die unterirdischen Heizungs- und Luftschächte über die Pförtner- und Wohnhäuser bis zu den großen Sanatorien – eine Art DNA vor, die auch für die späteren Bauabschnitte bestimmend blieb.

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Auch 110 Jahre später sind Architekten gefragt, denn der Sanierungsprozess im REFUGIUM BEELITZ muss fachkundig vorbereitet und ebenso betreut werden. Auch den 1000 Quadratmetern Neubaufläche, die dort zur Verfügung stehen, muss eine konkrete Form gegeben werden. Seit Dezember sind die Architekten von playze unsere Sparringspartner (mehr Infos zu denen – hier). Mit Dependancen in Berlin, Basel und Schanghai hat das 2007 gegründete Unternehmen einige spektakulären Projekte in China umgesetzt. Das Berliner Büro unter der Leitung von Gründungspartner Marc Schmit begleitet gerade die Erweiterung der Domaine Thermale im Luxemburgischen Mondorf-les-Bains (mehr Infos – hier).

2013 beendete playze den Ausbau des Pfefferbett-Hostels im Berliner Pfefferberg (mehr Infos – hier). Die leitende Architektin Kathrin Starcke konnte hier ihr Know-How im Umgang mit dem denkmalgeschützten Bestand einbringen, einem der Schwerpunkte ihrer bisherigen Arbeit.

In den letzten vier Wochen haben die playze-Mitarbeiter Samantha und Rosella (siehe Foto rechts) unter erschwerten Witterungsbedingungen ein neues Aufmaß der drei Gebäude erstellt, das uns als Grundlage für unsere Planung dienen wird.

 

Merken

Nach Kriegsende 1945…

… übe_MG_0494rnahmen die sowjetischen Besatzungskräfte das gesamte Gelände der Heilstätten und bauten es zum größten exterritorial gelegenen Militärhospital um. Fast 50 Jahre lang war das Areal militärisches Sperrgebiet bis die Sowjets 1994 abzogen. Auch wenn die Gebäude nicht aufwändig gepflegt wurden, so sicherte die Nutzung immerhin den Erhalt der Bausubstanz. Es wurde nichts abgerissen oder irreversibel beschädigt, lediglich wurden die meisten Wände in hellblau und pastellgrün gestrichen – und zwar mit Ölfarbe. Bei Rückübertragung an die LVA (Landesversicherungsanstalt), die ursprüngliche Eigentümerin, wurde ein „vergleichsweise zufriedenstellender Zustand der Gebäude“ festgestellt.

Kein Wunder, die Baukosten des gesamten Areals schlug mit 8,38 Mio. Reichsmark zu Buche, eine beträchtliche Summe, die nur durch die für damalige Zeiten recht aufwändige Bauweise zu erklären ist. Der heutige Zustand der Gebäude ist dieser aufwändigen Bauweise zu verdanken: in den Innenräumen beispielsweise wurden Profile und Ecken möglichst vermieden, um die Verletzungsgefahr zu vermindern und die Reinigung zu erleichtern – Hygiene war ein zentrales Thema. Die Glasuren der teilweise zwei Meter hoch gekachelten Wände im Küchengebäude sind hervorragend erhalten.

Die Fussböden wurden in weiten Bereichen mit hochwertigen Fliesen (sogenannte Mettlacher Platten zurückgehend auf den Hersteller Villeroy & Boch mit Sitz in Mettlach/ Saarland) belegt, die auch über hundert Jahre später – insofern sie nicht mechanisch stark belastet wurden – immer noch funktionsfähig sind.

Auch im Außenbereich finden wir die glasierten Verblendsteine der Sockel, Gebäudeecken, Gesimse sowie Fenster- und Türeinfassungen in einem kaum beschädigten Zustand vor.

Die rein dekorativen Elemente des Holzfachwerks sind in einem ebenso bemerkenswert guten Zustand, was auf eine hohe Qualität des verwendeten Holzes schließen läßt. Ähnlich unversehrt sind Treppen nebst Geländer und die Stahlbetondecken zwischen den Geschoßen.

In den ehemaligen Schlaf- und Aufenthaltsräumen des Sanatoriums wurde Eichenstabparkett verlegt. Zwar ist dieses durch das eingedrungene Regenwasser an vielen Stellen aufgequollen, doch große Teile der massiven Hölzer sollen gerettet werden, besonders in den Treppenhäusern und Fluren der Wäscherei.

 

Sommerfrischler bevorzugen…

tumblr_mlgndeWu3n1s1ffono1_500_blau… heute zwei Regionen im Berliner Umland – die Uckermark in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern sowie die Gegenden südwestlich von Potsdam. Hier, am Rande des Fläming und mitten im Herzen des Naturparks Nuthe-Nieplitz, ist meist eine gute Infrastruktur vorhanden. Auch zeichnen sich die Einheimischen durch größere Weltoffenheit aus (für alle Langhaarigen ein wichtiger Umstand).

1898 erwarb die Landesversicherungsanstalt nicht zufällig dieses 140 Hektar große Forstareal von der Stadt Beelitz. Um die Jahrhundertwende waren die Möglichkeiten der medikamentösen und chirurgischen Behandlung der damaligen Volkskrankheit Tuberkulose sehr eingeschränkt. Man konnte die erschöpften – und dank Bismarcks Reformen versicherten – Arbeiter lediglich in eine gesunde Umgebung verpflanzen und tief durchatmen lassen. Der neue Typus der Heilstätte setzte auf ein Verfahren, dass wir heute wohl ganzheitlich nennen würden: saubere Luft, Sonne, den Aufenthalt im Freien, Inhalationen, Heilbäder und nahrhafte Diäten, alles zur Steigerung der körpereigenen Abwehrkräfte.

Inhalationsraum

So saugten beispielsweise riesige Belüftungsanlagen permanent Waldluft an und beförderten sie in die Krankenzimmer, in eigenen Inhalationsräumen wurden ätherische Öle verdampft (siehe Foto rechts – jegliche Ähnlichkeit mit dem KKK ist nur vorübergehend), überdachte Wandelanlagen ermöglichten körperliche Ertüchtigung auch bei schlechtem Wetter und eine eigene Bäckerei, Fleischerei und Gärtnerei versorgten Patienten und Personal mit täglich frischer Kost.

War die Heilung schon fortgeschritten, wurden die „Pflegelinge“ in die Sanatoriums-Quadranten C und D verlegt, um wieder zu Kräften zu kommen.

Die Gesamtanlage war bemerkenswerterweise nur insgesamt 28 Jahre ihres mittlerweile 111-jährigen Bestehens als Arbeiterheilstätte in Nutzung. Das Gelände mußte sich zwei Weltkriegen und der sowjetischen Armee unterordnen.